Die Raunächte als Spiegel der Seele
Seelenschau 11/23: Ein Herbstgesang
(Von Thomas Lambert Schöberl – Lehrer, Buchautor & Heilpraktiker)
In meiner bayerischen Heimat sind die Raunächte mehr als nur ein rhythmisierender Abschnitt im Jahreskreislauf. Sie sind ein weises Erbe unserer Ahnen, eine Verbindung zur Natur und eine symbolstarke, heilsame Auszeit für Körper, Geist und Seele. Allem voran das Räuchern, eine Praxis, die ich als Heilpraktiker besonders schätze, steht hierbei im Mittelpunkt. Die Ursprünge der Raunächte sind in Nebel gehüllt, ein Mysterium, das bis in die Zeiten der Kelten und Germanen zurückreicht.

In Bayern erstrecken sich die Raunächte traditionell vom Heiligen Abend am 24. Dezember bis zum Dreikönigstag am 6. Januar, wobei jede der zwölf Nächte symbolisch für einen Monat des folgenden Jahres steht. Je näher man den langen Schatten der Alpen kommt, desto lebendiger wird dieses Brauchtum auch heute noch gelebt. Einige Überlieferungen sehen den Beginn der Raunächte mit der Wintersonnenwende am 21. Dezember und ihren Abschluss am Neujahrstag, was ihre Verbindung zu den kosmischen Zyklen und dem Übergang von Dunkelheit zu Licht unterstreicht. Unabhängig von der Datierung werden die Raunächte als eine besondere Phase des Übergangs überliefert, in der die Grenzen zwischen der materiellen und der geistigen Welt als besonders durchlässig gelten.
Propolis & Co. – Der Duft von Geschichte und Neubeginn
Bei meinen Räucherzeremonien erfreue ich mich an einer uralten Mischung aus Kräutern und Harzen. Fichtenharz, direkt aus dem Herzen unserer Wälder, wirkt nicht nur desinfizierend, sondern ist auch ein Symbol für Reinheit und Schutz. Propolis, das goldene Harz der Bienen, duftet nicht nur angenehm, sondern vertreibt Krankheitskeime so, wie die fleißigen Bienen ihre Feinde. Der Weihrauch, der wie kleine Tränen von Balsambaumgewächsen gewonnen wird, umhüllt uns mit seinem süßlichen Duft und ist seit alters her ein Symbol für spirituelle Erhebung und Heilung. Dazu gesellen sich Kräuter: der Quendel, der in unseren Breitengraden als Stärker der Abwehrkräfte bekannt ist, der kraftvolle Wacholder, das vitalisierende Mädesüß und die robuste Meisterwurz. Diese Kombination ist nicht nur ein Bollwerk gegen Viren und Bakterien, sondern weckt auch unsere Fantasie für kreatives Schaffen, betört unsere Sinne und verbreitet Gemütlichkeit in der winterlichen Stube.

Wilde Jagd – von ungestümem Treiben und innerer Unruhe
In den rauen Nächten, wenn der Wind durch die kahlen Äste streift und die Welt in ein tiefes Dunkel gehüllt ist, erwacht eine uralte Sage zum Leben: die Legende der Wilden Jagd. Es heißt, dass in diesen heiligen Nächten eine übernatürliche Meute durch den Himmel reitet, angeführt von einer mytho-logischen Gestalt – je nach Region Odin, Wotan oder ein anderer Herrscher der Unterwelt. Der Lärm dieser geisterhaften Jagdgesellschaft, das Bellen der Hunde, das Dröhnen der Hufe und das Rauschen des Windes sind in stürmischen Nächten zu hören. Die Wilde Jagd, so erzählt man sich, ist auf der Suche nach verlorenen Seelen und unvorsichtigen Sterblichen, die sich in die nächtliche Kälte wagen. Die Begegnung mit dieser Jagdgesellschaft gilt als unheilvolles Omen, das Unglück oder gar den Tod heraufbeschwören kann. Die Menschen in früheren Zeiten fürchteten die Wilde Jagd und übten sich in verschiedenen Bräuchen, wie dem Anbringen von Schutzsymbolen an ihren Häusern. Die Legende ist ein Symbol für die ungezähmte Kraft der Natur und die Mysterien, die jenseits unseres Verständnisses liegen. In unserer heutigen, von Technologie und ständigem Fortschritt geprägten Welt, stellt die Wilde Jagd vielleicht die innere Unruhe und das stetige Streben nach Erfolg und Anerkennung dar – oft auf Kosten unserer seelischen Balance und Gesundheit. Dieses unermüdliche Treiben kann uns von der wichtigen Selbstreflexion und der Verbindung mit unserem höheren Selbst ablenken.
Frau Holle und Perchta – Stimmen unseres Gewissens
In den tiefen der Raunächte begegnen wir den Gestalten von Frau Holle und Perchta, zwei mythischen Figuren aus dem alpinen Volksglauben. Frau Holle, bekannt aus den Märchen der Gebrüder Grimm, ist eine wohlwollende Naturgestalt, die Fleiß belohnt und Faulheit bestraft. Sie schüttelt ihre Betten aus, sodass es auf der Erde schneit. Perchta hingegen, eine strengere Figur, soll in den Raunächten durch die Lüfte ziehen und die Häuser besuchen. Sie belohnt die Rechtschaffenen und bestraft diejenigen, die ihre Pflichten vernachlässigen. Beide Figuren stehen für Ordnung und Gerechtigkeit und betonen die Bedeutung von Arbeitsethik und moralischem Verhalten. Psychoanalytisch betrachtet, repräsentieren Frau Holle und Perchta archetypische Mutterfiguren. Sie verkörpern die Dualität von Belohnung und Bestrafung, die wir in jeder und jedem von uns als Teil unserer moralischen Struktur verankert sehen. In einer modernen Interpretation könnten Frau Holle und Perchta die inneren Stimmen darstellen, die uns führen – unser Gewissen, das uns anleitet, zwischen richtig und falsch zu unter-scheiden.
Ahnengeister – Respekt und Besinnung in der Dunkelheit
In den Raunächten, besonders in ländlichen und traditionell geprägten Gegenden, wird oft angenommen, dass die Geister der Verstorbenen und Ahnen in dieser Zeit näher an der irdischen Welt sind. Die Vorstellung, dass die Grenzen zwischen den Welten der Lebenden und der Verstorbenen in diesen Nächten durchlässiger werden, ist tief in der Folklore verwurzelt.
Zu den gängigen Bräuchen gehört es, den Geistern und Ahnen Respekt und Gastfreundschaft zu zeigen. In einigen Familien wird beispielsweise ein zusätzlicher Platz am Tisch während des Abendessens freigelassen, als Einladung an einen verstorbenen Angehörigen, am familiären Beisammensein teilzunehmen. Andere legen Speisen und Getränke für die Ahnengeister aus als Zeichen der Wertschätzung und des Gedenkens. Diese Sitten spiegeln den tiefen Respekt und die fortwährende Verbundenheit mit den Vorfahren wider. Sie erinnern uns daran, dass unsere Ahnen und ihre Lehren auch heute noch einen wichtigen Platz in unserem Leben einnehmen können. Die Raunächte bieten somit eine besondere Gelegenheit, sich der eigenen Wurzeln zu besinnen und die Weisheit und Erfahrungen der Vergangenheit in die Gegenwart zu integrieren.

Märchen und Metaphysik in den zauberhaften Raunächten
Die Märchen der Raunächte mit ihren verzauberten Wäldern und verwunschenen Gestalten stellen uns vor Aufgaben – gleich den Herausforderungen des Lebens – die uns wachsen und reifen lassen. Sie führen uns auf den Weg des Helden, jenes Menschen, der durch das Überwinden und Erlösen des Verwunschenen seiner eige-nen Vollkommenheit näherkommt.
Nutzen wir die Raunächte, um in diese tiefen Symbole einzutauchen, um unsere Wurzeln und Verstrickungen, unsere Ängste, unseren Mut, aber auch Dankbarkeit und Demut zu reflektieren. Wer sich die Zeit nimmt, um in der Natur danach zu suchen, in sich hineinhorcht und die Welt als Spiegel versteht, der wird weit mehr erreichen, als alle Neujahrsvorsätze es je könnten. Der betörende Duft dieser Nächte umschmeichelt das Herz und streichelt die Seele, entführt uns aus dem Durchrationalisierten des Alltags und öffnet die Türen zu einer Welt, in der das Wirkliche, nicht das Greifbare, sondern das Wirkende ist. Denn die Wirklichkeit ist, wie schon Platon wusste, metaphysisch, geformt aus Ideen und geistigen Matrizen, die sich im Stofflichen abbilden. Die Formen, die wir sehen, sind Gleichnisse für das Unsichtbare. In der Stille der Raunächte können wir diese Wirklichkeit, die immer hinter dem Natürlichen, dem Kreatürlichen, dem Formalen liegt, erfühlen und in unser Leben rufen.