Eine poetische Suche nach dem Glück
Seelenschau 03/25: Wenn das Leben ruft
(Von Thomas Lambert Schöberl – Buchautor, Theologe, Pädagoge)
Wir alle wünschen uns Glück und spüren ihm in der Liebe, im Beruf und sogar im Spiel nach. Getrieben von der Vorstellung eines „perfekten Moments”, der alles zum Guten wendet, flüstern wir täglich: „Ich möchte glücklicher sein.” Verwirklicht sich unser Bestreben, tun wir das oft ab und behaupten kühl: „Ach, das war nur Zufall.” Es scheint, als wären wir blind für die Sternstunden, die unser Leben durchziehen – gefangen hinter einem Schleier der schnelllebigen Ablenkungen, der uns von wahrer Freude trennt.

Ich habe unzählige Geschichten vom vermeintlichen großen Glück gehört. Doch meist entpuppten sie sich als Illusionen und angefixte Höhepunkte, die uns besitzen wollten, um uns dann leer und verkatert zurückzulassen. Vielleicht ist der Begriff vom „großen Glück” einfach der falsche? Wer ihm hinterherjagt, bleibt ein Bluthund ohne Spur.
Philosophie des Glücks: Platon und mehr
Platons Philosophie sieht Glück als fortwährenden Entwicklungsprozess, der von drei grundlegenden Elementen getragen wird: Vernunft, Wille und Begehren. In seinem berühmten Höhlengleichnis vergleicht er unsere menschliche Existenz mit dem Leben in einer Höhle, in der Menschen von Geburt an gefesselt sind, ohne jemals das Sonnenlicht oder die wahre Welt außerhalb der Höhle zu sehen. Sie nehmen nur die Schatten wahr, die durch das Licht eines Feuers hinter ihnen an der Höhlenwand entstehen – eine Welt voller Illusionen. Platon argumentiert, dass wahres Glück nur erreicht werden kann, wenn wir aus dieser Höhle der Täuschung ausbrechen und die Wahrheit suchen. Die Vernunft ist dabei das Licht, das uns den Weg weist, und der Wille ist die treibende Kraft auf diesem Weg. Indem wir unsere Begierden mit Vernunft und Wille in Einklang bringen, können wir uns von oberflächlichen Täuschungen lösen und eine Erfüllung erreichen, die über flüchtige Vergnügungen hinausgeht. Augustinus von Hippo (354 – 430), einer der ersten großen Kirchenlehrer, betrachtet das Thema Glück aus einer etwas anderen Perspektive. Er argumentiert, dass das Endziel aller menschlichen Bestrebungen in der Glückseligkeit liege, welches jedoch nicht durch weltliche Güter oder Vergnügen erreicht werden könne, sondern allein durch die Liebe zu Gott: „Die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.“ Die Gleichung lautet also: Gott ist Liebe, und Liebe ist Erfüllung. Diese Idee ist selbstredend kein ausschließlich christliches Motiv, sondern findet sich in fast allen Kulturen.
Das gut versteckte Glück
Eine antike Legende erzählt, wie die Götter das Glück vor den Menschen versteckten, um deren Macht zu begrenzen. Sie versteckten es auf den Gipfeln der Berge, in den Tiefen des Ozeans und an den äußersten Rändern der Welt. Doch die Menschen scheuten keine Mühe: Sie erklommen die steilsten Felsen, bauten riesige Schiffe und durchstreiften die Welt. Nach langem Überlegen versteckten die Götter das Glück schließlich im Inneren des Menschen, überzeugt davon, dass es dort am sichersten aufgehoben sei. Die Menschen, so dachten sie, waren so sehr auf die äußere Welt fixiert, dass sie niemals in sich selbst nach Glück suchen würden. Lange Zeit schien dieser Plan aufzugehen. Doch die Götter hatten die Kraft der menschlichen Liebe unterschätzt, die schließlich die Menschen lehrte, sich gegenseitig in ihre Seelen zu blicken, und genau dort fanden sie das Glück.
Während ich über all diese alten Gleichnisse nachsinne und meine Gedanken vom Balkon in den Tag schweifen, höre ich Carla Brunis „Quelqu’un m’a dit“. Sie singt von unserer vergänglichen Existenz, nur ein Schulterzucken gegenüber der Ewigkeit. Wir welken wie Rosen, und die Zeit, ein listiger Dieb, webt aus unserem Kummer schwere Mäntel. Das Schicksal, spöttisch, verspricht die Welt und hält nichts davon. Das Glück, zum Greifen nah, verkauft uns am Ende nur für dumm. In meiner Jugend war das eines meiner Lieblingslieder. Im Videoclip zum Lied sitzt die Sängerin, nachts von Schlaflosigkeit geplagt, mit ihrer Gitarre am Fenster. Ihr Blick verliert sich im Raum. Gegenüber, in einer anderen Wohnung, ist ein Mann zu sehen. Er ruft ihren Namen in die nächtliche Stille, während er rastlos, eine Kerze in der Hand, auf und ab marschiert. Sie jedoch sieht ihn nicht, hört ihn nicht.
Im Refrain haucht Bruni: Aber wer war es gleich, der mir sagte, dass du mich noch immer liebst? Ich erinnere mich nicht mehr, es war spät in der Nacht. Ich höre noch die Stimme, doch seine Züge sind mir verschleiert. Während ich diese Zeilen verfasse, durchströmt mich ein emotionaler Schauer. Plötzlich wird mir – erschreckend schön – bewusst, wie oft das Leben in schlaflosen Nächten an die Flügeltüren unserer Herzen pocht, ja, regelrecht hämmert und nach uns ruft. Die Botschaft bleibt immer dieselbe: dass es uns noch immer liebt, so innig wie am ersten Tag. Und dass es darauf wartet, auch von uns geliebt zu werden! Geliebt für das, was es wirklich ist: eine einzigartige Chance, ein kostbarer Moment, ein wahrhaft großes Glück. Doch wir zögern. Wir bedauern uns selbst als die Pechvögel, während wir die anderen als Glückspilze betrachten.
Der Weg ins Glück
Komm, lauf mit mir bis zu den Bergen. Seh’ schon der Gipfel weiße Herden. Erst blau, dann grau, schon grün, dann sand. Zusammen außer Rand und Band. Wenn Nebel steigt vom Walde sacht, Mein Herz stets über Deines wacht. Hier gibt’s nur vorwärts – keine Müh, Wir seh’n das Meer schon morgen früh. Gepäck? Wer braucht’s auf diesen Wegen? Wenn Luft macht satt und Blicke wärmen, Will ich nur von der Liebe lernen. Und wie Du sanft den Muscheln lauschst, Die Spur’n im Sand geduldig liest, Da lüftet sich ein letzter Schleier: Mein Geist, mein Herz, noch nie war’n freier. Wir bleiben! Ja! Nie mehr zurück. So einfach ist der Weg ins Glück.
Nichts beschreibt ein verfehltes Leben treffender als drei Worte: hätte, könnte, sollte. Schluss damit! Brechen wir aus den Fesseln von „aber“, „später“ und „sollte“ aus und wählen stattdessen das „trotzdem“. Denn sicher ist: Draußen wartet immer jemand oder etwas darauf, geliebt zu werden. Glauben Sie mir, wenn ich sage: »Quelqu’un m’a dit«. Glück ist gleich Liebe – und Liebe erfüllt vollkommen. Heben wir den Schleier. Das Glück und die Fülle, sie spielen gern Verstecken. Sie wollen von uns erobert werden, fordern uns heraus – ganz und gar, mit Haut und Haar und ohne Gepäck. Wenn Luft sättigt und Blicke wärmen, will ich einzig von der Liebe lernen.