Graue Zeiten, helle Herzen
Seelenschau 11/24: Die Hexe in uns: Kreativität und Heilwissen
(Von Thomas Lambert Schöberl – Buchautor & Heilpraktiker)
Samhain, das keltische Fest der Geister, steht vor der Tür. Unsere Vorfahren feierten den Übergang zur dunklen Jahreszeit, an dem die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits verschwimmen. Feuer wurden entzündet, um Verstorbene zu leiten und um Unheil abzuwehren. Als das Christentum Einzug hielt, wurde aus Samhain Allerheiligen. Doch in den Alpen mixte man fröhlich alte und neue Traditionen und schuf so einen einzigartigen „Kultur-Cocktail“ aus Weihwasser, Heilkräutern, Heiligengeschichten und Naturmystik.

Die Bergbewohner lebten im Einklang mit der Natur. Sie deuteten das Wetter, kannten die Heilkraft der Pflanzen und die Weisheit der Tiere. Kräuterkundige bewahrten dieses Wissen in Liedern und Geschichten. Während ihre Kenntnisse in einigen Gemeinschaften geschätzt und bewahrt wurden, führten sie in anderen zu Misstrauen und sogar Verfolgung. Johannes Kepler (1571 – 1630), berühmter Astronom und Begründer der Himmelsmechanik, rettete seine Mutter Katharina (1546 – 1622) nur knapp vor dem Scheiterhaufen. Die Kräuterkundige und Heilerin wurde 1615 der Hexerei beschuldigt. Erst nach sechs Jahren Prozess und dank Keplers unermüdlichen Einsatzes wurde sie freigesprochen. Kepler, der neben seiner bahnbrechenden astronomischen Arbeit auch als Astrologe tätig war, sah die Astrologie kritisch, erkannte aber ihren psychologischen Nutzen: „Die Astrologie ist zwar eine närrische Tochter, aber mein Gott, wo würde ihre Mutter, die hochvernünftige Astronomie, bleiben, wenn sie diese närrische Tochter nicht hätte!“ Diese Episode zeigt das Spannungsfeld zwischen Naturheilkunde und Aberglauben in der frühen Neuzeit und mahnt uns, traditionelles Heilwissen wertzuschätzen ohne kritisches Denken zu vernachlässigen.
„Hexenhammer“ fachte die Verfolgungen an
Die Hexenverfolgungen erreichten ihren Höhepunkt nicht im Mittelalter, wie oft angenommen, sondern in der frühen Neuzeit, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert. Auslöser war der sogenannte „Hexenhammer” (Malleus Maleficarum), 1486 von den Dominikanermönchen Heinrich Kramer und Jakob Sprenger veröffentlicht. Dieses Buch diente als Anleitung zur Identifizierung, Verurteilung und Bestrafung von vermeintlichen Hexen und trug maßgeblich zur Intensivierung der Hexenverfolgungen bei. Diese betrafen Frauen und Männer aus verschiedenen sozialen Schichten, jedoch waren ärmere, sozial marginalisierte Frauen wie alleinstehende, ältere Frauen besonders gefährdet. Hebammen und Kräuterkundige standen ebenfalls oft im Verdacht, da ihr praktisches Wissen als bedrohlich empfunden wurde. Die Verfolgungen wurden nicht nur von der Kirche vorangetrieben, sondern auch und oft vor allem von weltlichen Mächten. In Städten wie Bamberg und Würzburg kam es zu massiven Hexenprozessen, die von den lokalen Autoritäten – oft Fürstbischöfen mit sowohl geistlicher als auch weltlicher Macht – initiiert wurden.

Diese Prozesse waren gekennzeichnet durch den Einsatz von Folter, erzwungenen Geständnissen und schnellen Verurteilungen. Es gab auch Stimmen innerhalb der Kirche, die vor Exzessen warnten. Der Jesuitenpater Friedrich Spee von Langenfeld beispielsweise kritisierte in seinem Werk „Cautio Criminalis” (1631) die Methoden der Hexenprozesse und plädierte für mehr Skepsis. Es gab zwar päpstliche Erlasse, die zur Vorsicht mahnten, aber diese hatten oft wenig Einfluss auf die lokalen Geschehnisse. Die Zerrissenheit gegenüber selbstbe-stimmtem Heilwissen zieht sich wie ein Fluch durch die Zeit. Einst waren es die „Engelmacherinnen“, die heimlich bei ungewollten Schwangerschaften halfen – verfolgt und als Hexen gebrandmarkt. Heute lodert der Streit um körperliche Autonomie weiter. In den USA stehen Kamala Harris und Donald Trump symbolisch für diesen modernen Hexenprozess. Die eine beschwört Selbstbestimmungsrechte, der andere will sie in Ketten legen. Die Debatte brodelt wie ein Hexenkessel – ein Echo uralter Ängste vor der Macht marginalisierter Gruppen.
Ängste als Wegweiser zur inneren Souveränität
In Krisenzeiten – sei es während der Pest oder der jüngsten Corona-Pandemie – suchten Menschen nach Schuldigen, statt gemeinsam Lösungen zu finden. Dieses Muster der Angstprojektion wiederholt sich durch die Geschichte hindurch. Doch genau hier können wir von der symbolischen Figur der Hexe lernen, die im modernen Verständnis innere Stärke und Souveränität verkörpert. Sie bleibt in ihrer Mitte, unbeirrt von äußeren Turbulenzen, und beherrscht die Kräfte um sich herum. Diese innere Stärke erwächst aus der Synthese von Lebenserfahrung, Intuition und Wissen. Die Frage, die sich uns stellt: Wie bewahren wir in chaotischen Zeiten unsere Mitte? Indem wir Verantwortung für unsere Gefühle und Reaktionen übernehmen, vermeiden wir es, die Kontrolle ab-zugeben. So wie die Hexe ihre Kräfte kennt und lenkt, können wir lernen, unsere Emotionen zu verstehen und zu transformieren.
Zwischen Popkultur und spiritueller Sehnsucht
In den letzten Jahren erleben wir eine bemerkenswerte Renaissance des Hexentums, das einst mit Furcht und Verfolgung verbunden war, heute jedoch positiv neu interpretiert wird. Diese Wiederbelebung zeigt sich in der Popkultur, wo Künstlerinnen wie Björk, Stevie Nicks, Florence Welch oder Taylor Swift mystische und hexenhafte Elemente in ihre Musik und Ästhetik integrieren. Doch diese Bewegung geht tiefer als bloße Ästhetik; sie spiegelt tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen und Bedürfnisse wider. Soziologisch betrachtet ist dieses Phänomen Ausdruck einer Suche nach Identität und Zugehörigkeit in einer immer komplexeren Welt. In Zeiten von Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile bietet das moderne Hexentum flexible Strukturen für persönliche Spiritualität und Gemeinschaft. Kulturwissenschaftlich knüpft diese Entwicklung an die Traditionen der späten deutschen Romantik an, in der das Mystische, die Naturverbundenheit und das Individuelle gefeiert wurden. Die Sehnsucht nach Authentizität und Tiefe in einer technologisierten Gesellschaft findet Ausdruck in der Rückbesinnung auf natürliche und spirituelle Praktiken. Psychologisch kann die Hinwendung zum Hexentum als Suche nach Sinn und Heilung interpretiert werden. Durch Rituale, Meditation und die Verbindung mit der Natur finden viele einen Weg, innere Balance und Wohlbefinden zu fördern. Diese Wiedergeburt des Hexentums ist somit mehr als ein kurzlebiger Trend; sie ist Ausdruck tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Sie vereint das Streben nach Freiheit, Kreativität und einer tieferen Verbindung mit der Natur und dem eigenen Selbst. In einer Welt, die immer schneller und komplexer wird, bietet sie einen Anker und einen Raum für Reflexion und Selbstermächtigung.
Ruhe finden und das innere Licht entfachen
Der November, mit seinen nebligen Tagen und längeren Nächten, bietet eine besondere Atmosphäre, um sich mit den verborgenen Kräften der Natur und des eigenen Inneren zu verbinden. Beginnen Sie den Tag mit einem Moment der Stille in der kalten Morgenluft. Sammeln Sie Hagebutten, die reich an Vitamin C sind, für einen stärkenden Tee. Auch Sanddornbeeren bieten wertvolle Nährstoffe und können jetzt geerntet werden. Die Wurzeln des Löwenzahns sind im Herbst besonders gehaltvoll und eignen sich für einen wohltuenden Aufguss. Jetzt können wir das warme Licht von Kerzen neu schätzen lernen. Ohne die Ablenkungen des Sommers finden wir zurück zur Ruhe. Spazieren, lesen, singen, basteln, kochen und kreieren Sie! Der November steht unter dem Einfluss des „närrischen“ Skorpions, der für Leidenschaft, Entschiedenheit, Mystik, Regeneration und Heilung steht. Entfachen Sie Ihr inneres Licht und lassen Sie die Magie dieser besonderen Jahreszeit in Ihr Leben treten.