Blüten, Kräuter und heilsame Schönheit
Seelenschau 6/23: Sommergemälde
(Von Thomas Lambert Schöberl – Buchautor, Lehrer & Heilpraktiker)
Die Rosen entfalten ihre Pracht in einem überschäumenden Blühen, wie Flammen, die gen Himmel schlagen. Währenddessen zeigen sich die Kugeldistel und die Blauraute als Meister der Trockenheit. Sie entfalten im Juni ihr zartes Blau und harmonieren auf ideale Weise miteinander. Der Juni gestaltet sich als ein Fest des Lebens, in dem alles duftet und alles leicht und luftig aus der Erde aufsteigt, gleich dem lebensfrohen Zwillingszeichen, das Ende Mai auf den Schwingen der Sommerluft Einzug hält.

Die Pfingstrose öffnet ihre opulenten Blüten wie Vorhänge auf einer Bühne, um den Start des Sommers zu verkünden. Ihre samtigen, oft intensiv gefärbten Blätter verströmen eine fast dramatische Eleganz. Ihre Blütenextrakte werden in der Volksheilkunde zur Herstellung von
entzündungshemmenden Salben verwendet. Ihre Wurzeln finden Anwendung bei der Behandlung von Menstruationsbeschwerden, Arthritis und wurden sogar als Beruhigungsmittel verordnet. In der Küche können die Blütenblätter der Pfingstrose essbare Zierde für Salate und Desserts bieten. Sie sind auch für die Herstellung von Sirupen und Gelees
geeignet, die Gerichte mit einem Hauch von Blumengeschmack und einer attraktiven Optik bereichern können. Zur gleichen Zeit präsentiert die Bartnelke ihre feinen Blüten und verleiht dem Garten einen Hauch von feinsinniger Poesie. Sie bietet eine reiche Quelle an Nektar und Pollen, was sie zu einer wertvollen Pflanze für die Anziehung und Unterstützung von Bestäubern wie Bienen macht. Ihre leuchtenden Farben und ihr süßer Duft machen sie besonders ansprechend für Bienen. Das trägt zur Biodiversität im Garten bei. Die Schafgarbe, mit ihren zarten, feingliedrigen Blüten in
sanftem Weiß, ist nicht nur ein Augenschmaus, sondern auch eine hochpotente Heilerin. Sie ist ein Segen für den Magen-Darm-Trakt, mildert Menstruationsbeschwerden und lindert, auf die Haut aufgetragen, sanft Irritationen.
Das Johanniskraut, das am Rande meines Gartens wie ein Sonnenfänger thront, wurde traditionell gesammelt, um Schutz und Segen zu bringen. Es ist nach dem Johannistag am 24. Juni benannt. Historisch wurde dieser Tag gefeiert, um die Kraft der Sonne und den längsten Tag des Jahres zu ehren, ein Symbol für Licht und Wachstum. Das Johanniskrautöl wird traditionell als „Blut Christi“ betrachtet, insbesondere wegen seiner rötlichen Farbe. Zur Linderung von Psoriasis-Symptomen, Heilung von
Wunden und Minderung von Narbenschmerzen wird es effektiv eingesetzt. Es findet auch Anwendung bei der Behandlung von Muskelverspannungen und leichten Verbrennungen, da es beruhigende und entzündungshemmende Eigenschaften besitzt. Jedoch sollten Nutzer Vorsicht walten lassen, da Johanniskrautöl die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöhen kann (Photosensibilität), was zu schnellerem Sonnenbrand führen kann. Zudem kann es Wechselwirkungen mit verschiedenen Medikamenten, einschließlich Antibiotika und Antidepressiva, hervorrufen. Die Naturheilkunde schätzt das Johanniskraut vor allem für
seine antidepressiven Eigenschaften. Es ist eine natürliche Quelle der Hoffnung, die sich in seiner strahlend gelben Blüte widergespiegelt.
Im Juni erwacht der Garten zu einem bunten Treiben, fast so, als würde er bereits für das große Erntefest proben. Buschbohnen, Möhren, Rettiche, Knollenfenchel und Radieschen können bereits geerntet werden. Reich an Vitamin C, unterstützen Radieschen unser Immunsystem und wirken antioxidativ gegen freie Radikale. Zudem sind Radieschen eine gute Quelle für Kalium, das zum Erhalt eines normalen Blutdrucks beiträgt. Ihre Ballaststoffe fördern die Verdauung und können dabei helfen, ein gesundes Gewicht zu erhalten. Darüber hinaus enthalten sie Senföle, die ihnen
nicht nur ihren charakteristisch scharfen Geschmack verleihen, sondern auch antibakterielle Eigenschaften besitzen. Im Beet ein einfacher Gast, im Körper ein kraftvoller Verbündeter für Gesundheit und Wohlbefinden.
Im Kräutergarten finden wir Kerbel, Kresse, Boretsch, Dill, Salatrauke und Bohnenkraut in Bestform. Bohnenkraut hat antimikrobielle Eigenschaften, die helfen können, das Wachstum von schädlichen Bakterien und Pilzen zu hemmen. Es ist bekannt für seine verdauungsfördernde Wirkung,
kann Blähungen reduzieren und die allgemeine Magen-Darm-Gesundheit unterstützen. Darüber hinaus wird Bohnenkraut in der Volksmedizin oft zur Linderung von Husten und Halsschmerzen verwendet, da es als natürliches Expektorans wirkt. Probieren Sie dieses unterschätzte Kraut doch einmal in einer selbstzubereiteten Kräuterbutter aus. Auch in vegetarischen Gerichten, wie einem aromatischen Linseneintopf, kann Bohnenkraut eine Hauptrolle spielen. Für Experimentierfreudige: Ein frischer Salat mit Ziegenkäse, Nüssen, und einem Dressing aus Olivenöl, Zitronensaft und fein gehacktem Bohnenkraut schafft eine köstliche Verbindung von Frische und
Würze.
Ja, nun ist der ideale Zeitpunkt, um die aromatischen Schätze im Garten oder auf dem Balkon zu ernten und entweder frisch zu genießen oder für den späteren Gebrauch zu konservieren, beispielsweise durch Trocknen oder Einfrieren. Zudem ist es der richtige Moment, um die
ersten Zweige von Salbei und Thymian zu schneiden und zum Trocknen aufzuhängen. Das Aufhängen von Thymian und Salbei in Innenräumen kann mehrere Vorteile haben. Beide Kräuter sind bekannt für ihre starken Düfte und antimikrobiellen Eigenschaften, die dazu beitragen können, die Luft zu reinigen und sie von Bakterien und Schadstoffen zu befreien. Diese Praxis wird oft in Häusern angewandt, um eine natürliche Aromatherapie zu praktizieren, die das Wohlbefinden fördert und eine beruhigende Atmosphäre erzeugt. Während in unseren Gärten Kräuter, Gewürze, Obst und Gemüse gedeihen, taucht oft schon früh im Jahr ein weniger willkommener Gast auf: der Gundermann, auch bekannt als Gundelrebe. Gartenliebhaber haben eine ambivalente Beziehung zur Gundelrebe.
Auf der einen Seite wird sie oft als lästiges Unkraut betrachtet, das andere, wünschenswertere Pflanzen in Gartenbeeten und Rasenflächen überwuchern kann. Auf der anderen Seite wird ihre robuste und pflegeleichte Natur von manchen als Bodendecker geschätzt, besonders in
schattigen Gartenbereichen, wo andere Pflanzen schwer gedeihen. Zudem ist sie eine wichtige Nahrungsquelle für Bienen und andere Insekten im Frühjahr, was sie zu einer nützlichen Pflanze für die Förderung der Biodiversität macht. Inmitten eines perfekten englischen Rasens mag
der Gundermann als Störenfried erscheinen, doch seine heilenden Eigenschaften verdienen Beachtung und Wertschätzung. Er schmückt unsere Gärten mit seinen kleinen, herzförmigen Blättern und
zarten, blau-violetten Blüten, die von Frühling bis Sommer erscheinen.
Gundermann wirkt entzündungshemmend und wird traditionell zur Linderung von Hautirritationen und leichten Verletzungen verwendet. In der Küche bereichert das Kraut mit seinem würzigen, leicht bitteren Geschmack Salate und Suppen und kann als gesunde Zutat in
Smoothies integriert werden.
Mitte Mai, ist es Zeit, meine Tomaten ins Freiland zu setzen. Dabei bevorzuge ich das schräge Einpflanzen, eine Methode, die nicht nur charmant unkonventionell erscheint, sondern auch überaus praktisch ist. Indem der Stängel teilweise mit Erde bedeckt wird, regt dies die Bildung zusätzlicher Wurzeln entlang des vergrabenen Stammes an. Diese Technik stärkt die Tomatenpflanzen, indem sie ihre Wurzelbasis erweitert und verbessert somit sowohl die Nährstoffaufnahme als auch die Stabilität gegen Wind und Wetter. Mit dem Pflanzen meiner Tomaten beginnen auch die Vorbereitungen, um die Heilkräfte und die reiche Vielfalt dieser
Naturgeschöpfe für die Zukunft haltbar zu machen. Alles, was es dazu braucht und zu beachten gilt erfahren Sie in der nächsten Ausgabe meine Kolumne, denn das Einfrieren von Tomaten ist zwar eine Möglichkeit, verbraucht jedoch viel Platz und Energie. Stattdessen wende ich mich dem Einkochen zu, einer Methode, die heute fast als Kunstform gilt.
Einkochen hat sich mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterentwickelt und folgt heute anderen Standards als früher. Beim Einkochen ist Vorsicht geboten, insbesondere wegen der Gefahr einer Botulismus-Kontamination. Botulismus ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, verursacht durch das Bakterium Clostridium botulinum, das in anaeroben (sauerstofffreien) Umgebungen gedeiht. Interessanterweise trägt das Erhitzen der Tomaten beim Einkochprozess dazu bei, das wertvolle Lycopin bioverfügbar zu machen, ein Antioxidans, das insbesondere bei rheumatischen Erkrankungen von Vorteil ist. Die Volksheilkunde betrachtet das Erzeugen und Verarbeiten von Nahrung nicht nur als Notwendigkeit, sondern als eine Lebenshaltung der Dankbarkeit und Wertschätzung. Sie integriert Medizin, Hauswirtschaft, Spiritualität und Naturkunde unter einem Dach, was eine tiefe Verbindung zur Schöpfung darstellt. Diese ganzheitliche Sicht fördert eine hohe Selbstständigkeit und Mündigkeit in Bezug auf Gesundheit und Krankheit: eine Kernperspektive der Naturheilkunde. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Sommersonnen wende und viele heilsame Genussmomente in Natur und Garten.